Ich bin Menschen begegnet, die gesagt haben: “Was in Gaza passiert, geht mich nichts an.”
Ich bin Aktivisten begegnet, die sich gefühlt täglich für die Palästinenser einsetzen.
Ich bin habilitierten Intellektuellen begegnet, deren einzige Informationsquelle fünfsekündige Berichte aus der Tagesschau waren und kenne Menschen, die täglich über Gaza berichten.
Ich kenne Menschen, die die IDF supporten und Menschen, die die IDF als IOF bezeichnen.
Ich habe mit Menschen gesprochen, die sich als Zionisten bezeichnen und Menschen, die den Zionismus als rassistisch-nationalistische Ideologie kritisieren.
Ich bin Studenten begegnet, die erst durch den Dokumentarfilm “No other Land” erfahren haben, dass systematisch palästinensische Häuser niedergerissen werden, und kenne Palästinenser, deren Angehörige alles verloren haben.
Ich kenne Juden, die mit Muslimen im Dialog sind, weiß aber auch, dass es Juden gibt, die Muslime hassen und kenne Muslime, die mit Juden im Dialog sind und Muslime, die Juden hassen.
Ich kenne aber auch Muslime, die sagen: “Ich hasse nicht die Juden, ich hasse Zionisten.”
Ich kann verstehen, dass die Gepeinigten ihre Peiniger hassen, weil ich glaube, dass es ein Recht auf Hass gibt.
Ich aber lasse mich nicht polarisieren, gerade deswegen, weil ich zwischen all diesen Extremen, viele polarisierte Menschen sehe. Dualisten in Politik und Medien versuchen mir ihr dualistisches Weltbild, dass nur schwarz und weiß kennt, aufzuzwingen.
Deswegen begegne ich Freundschaft und Feindseligkeit, Unwissenheit und Wissen, das geteilt wird. Ich begegne Aktivismus und Desinteresse, leidenden Menschen, die trauern und weinen, aber auch Menschen, die die Gewalt feiern.
Und ich? Ich fühle die Extreme, weil Empathie eine wichtige menschliche Eigenschaft ist.
Ich bin mal traurig, mal hilflos, aber nie hoffnungslos. Natürlich bin ich auch wütend, aber nicht aggressiv. Versuche nicht die Kontrolle zu verlieren, denn wir müssen trotz Funktionsstörung funktionieren. Das Leid anderer soll uns interessieren, aber nicht dermaßen unterziehen, dass wir selbst nicht mehr hochkommen. Sonst können wir jenen, die unsere Hilfe brauchen, nicht helfen.
Jeder Mensch wünscht ein Leben in Frieden, oder?
Jeder Mensch wünscht ein Leben in Freiheit.
Jeder Mensch wünscht Gerechtigkeit.
Wenn dem so ist, müssen wir aktiv gegen jeden und alles vorgehen, die diese universellen Werte gefährden.
Ich will kein Moralapostel sein, aber ich vermisse vor allem Ethik und Moral.
Sie sollten unser aller Maßstab sein, damit wir die Extreme erkennen können, sowohl wenn Menschen öffentlich Unrecht begehen als auch wenn Menschen wegsehen.
Oder was würdest Du über jene denken, die nur zuschauen oder wegsehen, wenn Dir in diesem Moment jemand Gewalt antun würde?
Wann endlich ändern wir unsere Perspektiven und können erkennen, wer wann Opfer und wer wann Täter ist?
Ein Beitrag geschrieben und gelesen von Dr. Ali Özgür Özdil, Islamwissenschaftler, Religionspädagoge und Autor