Mein liebes Deutschland,
ich bin in dir geboren. Blond und fast blauäugig – wie sich das gehört. Ich bin unter deutschen Eichen aufgewachsen, habe zu deiner Musik getanzt. Und trotzdem wollte ich eigentlich immer nur weg von dir. Du fühlst dich so unecht an.
So leblos und lieblos.
Eine heile Welt, gebaut auf einem Keller voller Leichen. Seit Jahrhunderten schon.
Eine Schaufenster-Zivilisation mit Hafermilch auf dem Häkeldeckchen und Angst vor der Realität. Angst vor dem Leben da draußen.
Ich halte es nie lange bei dir aus. Du tust mir nicht gut. Du tust der Welt nicht gut.
Lieferkettengesetz hin oder her. Grundgesetz und Völkerrecht. Pressekodex. Soziale Marktwirtschaft. Jaja, sicher doch, am Stück oder geschnitten? Will noch jemand Kaffee?
Nie wieder, hast du gesagt und es geschworen.
Aber jetzt beteiligst du dich wieder an einem Völkermord. Du bist einer der wichtigsten Unterstützer.
Den 7ten Oktober wiederholst du gebetsmühlenartig, und die bösen, bösen Terroristen. Doch das waren nicht die Auslöser für all dieses Töten und die Bomben und das Aushungern und das Händeschütteln. Der Auslöser ist Faschismus. Landraub und Mundraub. Leblosigkeit und Lieblosigkeit. Ewiges Wegsehen und andere die Drecksarbeit machen lassen. Seit 1948 geht das schon so und eigentlich seit noch viel früher. Wenn du es wissen wolltest, würdest du es wissen.
Was ich lange nicht wissen wollte ist: Deutschland, das bin ja auch ich! Ausgerechnet ein Israeli hat mir die Erkenntnis gebracht. Deutschland, das sind auch wir, hat er gesagt, als ich mich wieder einmal über dich aufregte. Er lebt in Berlin seit vielen Jahren, setzt sich für die Freiheit Palästinas ein mit vielen Worten. Er wusste es schon länger:
Deutschland, das sind auch wir.
Und das ist, was mir jetzt Hoffnung macht, was mich weiter morgens in dir aufstehen lässt und nicht völlig vor dir fliehen.
Deutschland, das sind auch wir.
Wir, die wir den Schmerz noch fühlen können. In Palästina und in uns selbst.
Wir, die wir das Leben noch spüren können, und immer wieder auch feiern. Aber nicht, indem wir auf den Toten tanzen oder sie wegschieben, sondern indem wir sie ehren. Sie und ihre Leben. Unsere Leben. Dem allen zu Ehren die Musik spielen lassen, zusammen kommen, Töpfe voller Reis, Gemüse und Fleisch kochen, weil sie es so lange schon nicht mehr können. Ihnen zu Ehren, dem Leben zu Ehren.
Schließlich ist es so kurz, dieses Leben. So wertvoll. So heilig. So wunderschön.
Was – machst du – mit deinem?
Aber Deutschland, das sind ja auch wir.
Wir, die wir den Mund aufmachen, wenn wir Ungerechtigkeit und Unwahrheit sehen.
Einfach weil es falsch ist und egal was die Konsequenzen sind.
Wir, die wir aus Systemen aussteigen, die den Völkermord ermöglichen und stattdessen neue Systeme aufbauen, die für eine andere Welt stehen.
Wir, die wir innerhalb von komplizenhaften Systemen versuchen an den Schrauben zu drehen, und das Töten zu verlangsamen oder gar zu beenden.
Wir, die wir in unseren Arztpraxen und Wohngemeinschaften, in unseren Kinos, Kirchen und Kindergärten Räume für Aufklärung und Solidarität schaffen, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht nichts mit Palästina zu tun haben mag. Aber alles hat mit Palästina zu tun. Denn in Palästina wird gerade Leben vernichtet mit Hilfe unserer Politik, unserer Wirtschaft, unserer Presse und Bildung. Mit unserer Stimme, wenn wir nicht dagegen halten.
Deutschland, das sind auch wir.
Wir, die wir den Wert von Solidarität kennen gelernt haben und deshalb unseren Beitrag leisten.
Wir, die wir keine Angst haben vor dem Menschsein in dieser Welt.
Wir sind viele und wir werden immer mehr. Wir wirken in Medienhäusern und Gewerkschaften, in Anwaltskanzleien und Metzgereien. In Stadtverwaltungen, Universitäten, Gerichten und an Flughäfen. In Gärtnereien und Investmentfonds. In Buchclubs und in Sportvereinen.
Wir sind viele und wir werden immer lauter.
Und irgendwann wirst du uns wirklich zuhören, Deutschland. Und irgendwann wird Palästina frei sein. Und am Ende dann auch wir.
Textbeitrag verfasst und gelesen von Elisabeth Weydt, Journalistin und Autorin. Sie hat Radio Utopistan mit ins Leben gerufen sowie „Hör zu, Deutschland!“. Sie war mehrfach in Palästina.
Instagram: @elisabeth_weydt