Die Wassermelone: vier Farben und ein Versprechen

Das Bild zeigt das Logo des Projekts Hör' zu Deutschland! Es ist eine Scheibe einer Wassermelone und darunter der Name des Projekts
Hör zu, Deutschland
Die Wassermelone: vier Farben und ein Versprechen
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Grün. Rot. Schwarz. Weiß. Vier Farben, die so gefährlich waren, dass man dafür ins Gefängnis kam. Nicht wegen einer Waffe. Nicht wegen einer Rede. Sondern wegen einer Flagge. 

1967, nach dem Sechstagekrieg: Israel besetzt das Westjordanland, den Gazastreifen und Ostjerusalem. Die Besatzung ist nicht nur militärisch. Sie trifft auch Symbole. Die palästinensische Flagge wird verboten. Jede Darstellung dieser vier Farben gilt als Provokation, als Straftat. 

Doch aus Verboten wächst Einfallsreichtum. In Ateliers und auf Straßen taucht plötzlich eine Frucht auf; rund, saftig, süß. Außen tiefgrün. Innen blutrot. Schwarze Kerne. Ein feiner weißer Rand. 

Eine Wassermelone.

Offiziell ein Sommerobst. Inoffiziell: „Palästina existiert.“

Gemalt auf Leinwänden, gekritzelt auf Mauern, fotografiert in Händen. Die Behörden verstehen die Botschaft. Aber eine Frucht zu verbieten? Zu lächerlich. Selbst für sie.  

Seitdem lebt das Symbol weiter. Und heute, Jahrzehnte später, ist es wieder da. Auf Bannern. Stickern. T-Shirts. In Profilbildern. Seit Oktober 2023 steht die Wassermelone nicht nur für eine Erinnerung, sondern für einen Aufschrei: gegen Besatzung, gegen Vertreibung, gegen Aushungern, für ein freies Palästina.

In Deutschland trägt sie noch eine zweite Botschaft. 

Hier werden pro-palästinensische Parolen und selbst die Flagge oft verboten oder eingeschränkt. Offiziell: Schutz vor antisemitischer Hetze.

Inoffiziell:

  • Eine enge politische Bindung an Israel, die als unantastbar gilt,
  • die Angst vor dem Antisemitismusvorwurf,
  • ein mediales Klima, das palästinensische Stimmen schnell als radikal brandmarkt, 
  • und außenpolitisches Kalkül. Was auch immer das heißen mag. 

In diesem Klima ist eine Wassermelone ein Test: Wie weit reicht Meinungsfreiheit, wenn sie mit der Staatsräson kollidiert? Ein kleiner Anhänger kann hier schon Ärger bringen. Weil alle wissen: Es geht nicht um Obst.

Deshalb habe ich 2024 Stitch & Support gegründet. Ich häkle Wassermelonen als Anhänger, Broschen, Haarklammern. 100% des Gewinns geht an Bedürftige in Palästina. Jede Masche ist ein stiller Protest. Jeder kleine Kern ein Versprechen: Wir vergessen euch nicht.

Durch Stitch & Support habe ich Menschen getroffen, die dasselbe Ziel haben: Freiheit für Palästina. Manche tragen die Anhänger, andere verschenken sie, wieder andere erzählen die Geschichte dahinter. Aus einer Frucht wird ein Gespräch. Aus Handarbeit ein politisches Statement.

Wer heute eine Wassermelone zeigt, sagt: Wir sind da. Wir lassen uns nicht unsichtbar machen. Wir schweigen nicht.

Von den Straßen Jerusalems bis zu den Werkstätten und Märkten hier verbindet sie Menschen, die nicht wegsehen. Aber hinter diesem Symbol stehen keine romantischen Sommerbilder. Dahinter stehen Familien, die ihre Häuser unter Schutt begraben sehen. Mütter, die Kinder beerdigen müssen. Menschen, die in Trümmern nach Wasser suchen. Stimmen, die in der Welt hallen, weil sie die vermeintlich falsche Seite verkörpern. 

Die Wassermelone ist für sie kein modisches Statement. Sie ist ein Stück Hoffnung, das man festhält, wenn fast alles andere verloren ist. Sie erinnert daran, dass jedes Leben zählt, auch dann, wenn es von Politik, Schlagzeilen und Bomben übergangen wird.

Und solange diese Frucht lebt, lebt auch die Erinnerung an jene, die nicht mehr sprechen können. Sie ist für die, die standhalten. Für die, die kämpfen müssen, nur um zu leben. Für die, die nichts haben außer der Gewissheit, dass sie nicht vergessen werden dürfen.


Textbeitrag verfasst und gelesen von Sümeyye Çokgezen, Wirtschaftsjuristin / Compliance Expertin aus Stuttgart