In Gedenken an die unzähligen Opfer dieses Genozids. An die, die wir kannten, und die, die wir nie kennenlernen durften. Für das medizinische Personal im Al-Awdah-Krankenhaus und seine letzte Nachricht auf dem Whiteboard: „Wer bis zum Ende bleibt, wird die Geschichte erzählen. Wir haben getan, was wir konnten. Erinnert euch an uns.“ [1]
Dieser Text wird zwangsläufig unvollständig bleiben. Er wird dem Leid nicht gerecht werden, nicht dem Ausmaß, nicht den Geschichten, nicht den Menschen.
Ich habe lange überlegt, wie ich schreiben soll. In Metaphern? In lyrischen Vergleichen? Aber was nützt eine Metapher bei abgetrennten Gliedmaßen, verkohlten Körpern, zerbombten Häusern? Kein sprachliches Bild wischt Blut vom Asphalt. Keines näht einen Arm zurück an den Körper. Deshalb spreche ich über die Realität. Meine früheste Erinnerung an meine Heimat ist ein Checkpoint. Ich stehe dort mit meiner Tante, umgeben von Zäunen, Uniformen, Waffen. Um uns: Menschen, die zur Arbeit, zum Arzt, zur Schule wollen. Menschen, die einfach nur leben wollen. In Palästina zu leben heißt, nicht frei zu sein. Es bedeutet, dass dein Alltag kontrolliert wird – nicht nur an Grenzen, sondern in jeder Bewegung, jedem Gesetz, jeder Geste.
Ich möchte dir so viel erzählen. Vom Regenwasser, das Eigentum der Besatzung wurde, dessen Sammeln verboten ist [2]. Vom wilden Thymian, Za’atar, dessen Ernte unter Strafe gestellt wurde [3]. Ich möchte dir von Ali Dawabsha erzählen. Er war 1½ Jahre alt, als Siedler sein Haus anzündeten und er lebendig verbrannte. Später tanzten sie auf einer Hochzeit mit seinem Bild, auf ein Messer gesteckt, durch die Menge getragen [4]. Ich möchte dir von Mohammed Khdeir erzählen. Er war 16, als sie ihn entführten, folterten, ihn Benzin trinken ließen und ihn lebendig verbrannten [5]. Ich möchte dir von Zivil- und Militärrecht erzählen, von Administrativhaft, von Kindern in Gefängnissen, von Männern, die dort sexuell missbraucht werden. All das sind keine Ausnahmen in einem System, das sonst funktioniert. Sie sind das System. Was die Welt in Begriffen fasst – Besatzung, Apartheid, Blockade – ist für uns kein Konzept. Es ist unser Körper, unser Zuhause, unser Alltag.
Der Genozid dauert nun fast zwei Jahre an. Davor: Jahrzehnte der Vertreibung, der Enteignung, der Kolonisierung. Warum fällt es so schwer, das auszusprechen? Warum wiegt das Wort schwerer als das, was es beschreibt? Die Welt hat Gaza gesehen. Enthauptete Kinder. Verbrannte Körper. Erschossene Frauen. Vergewaltigte Männer. Bombardierte Krankenhäuser. Verschleppte Ärzte. Und zuletzt: Hunger. Der Tod durch gezielte Aushungerung. Aber: Ist etwas davon wirklich geschehen, wenn der Täter es leugnet? Wenn der Mörder schweigt –gibt es dann überhaupt ein Verbrechen? Unsere Medien berichten von Menschen, die „getroffen“ werden. Von Häusern, die „einstürzen“. Von Körpern, die „verschwinden“. Von Tod, nicht von Mord, nie von den Tätern. Als bewegten sich Bomben selbst. Als wäre Gewalt ein Naturereignis. Nicht politisch gewollt, nicht finanziert, nicht gedeckt.
Ich spreche als jemand, dessen eine Heimat die Zerstörung der anderen aktiv mitträgt.
Hier: Waffenlieferungen, diplomatische Rückendeckung, Worte, die nicht aufklären, sondern verschleiern. Dort: Die unermessliche Stärke meines Volkes. Sein Mut, seine Liebe, seine Wut, seine Verzweiflung. Sein unermüdlicher Widerstand. Palästina wird befreit werden. Nicht, weil irgendein Staat uns anerkennt. Nicht, weil die westliche Welt plötzlich ein Gewissen entdeckt. Nicht, weil arabische Führer Haltung zeigen. Palästina wird befreit werden, weil das palästinensische Volk es so will. Weil es seit jeher für Leben, Freiheit und Gerechtigkeit kämpft. Weil es nicht aufgeben wird.
Das Einzige, was du und ich tun können, ist, den Moment nicht zu verpassen. Ihn zu nutzen. Jetzt. Hier. Um dieses Volk in seinem Streben zu unterstützen. Für universelle Menschenrechte. Für Gerechtigkeit. Egal mit welchen Mitteln. Egal wie klein unser Beitrag auch erscheinen mag. Für uns. Und für sie.
Ein Brief an die Welt von Mary H.
Gelesen von Rami Hamze
Quellen
[1] Remembering our colleagues killed in Gaza. [Online]
Available at: https://www.msf.org/remembering-our-colleagues-killed-gaza
[2] TROUBLED WATERS – PALESTINIANS DENIED FAIR ACCESS TO WATER. [Online]
Available at: https://www.amnesty.org/en/wp-content/uploads/2021/06/mde150272009en.pdf
[3] The Struggle for Za’atar and Akkoub: Israeli Nature Protection Laws and the Criminalization of Palestinian Herb-Picking Culture. [Online]
Available at: https://www.oxfordsymposium.org.uk/wp-content/uploads/2020/06/Eghbariah.pdf
[4] Israeli wedding party celebrates Dawabsheh killings. [Online]
Available at: https://www.aljazeera.com/news/2015/12/24/israeli-wedding-party-celebrates-dawabsheh-killings
[5] Kidnapped Palestinian teen was burned to death, autopsy shows. [Online]
Available at: https://electronicintifada.net/blogs/ali-abunimah/kidnapped-palestinian-teen-was-burned-death-autopsy-shows