Erinnerst du dich noch an das erste Mal, als du versucht hast, einen Drachen steigen zu lassen? Vielleicht hast du zu all den Drachen hoch geschaut, die über dir am blauen Himmel flogen, und dich gefragt, was du falsch machst, warum deiner sich weigert aufzusteigen. Wahrscheinlich hast du die anderen Kinder beobachtet, die es so leicht aussehen ließen, als würden sie sich nicht einmal anstrengen müssen. Aber anstatt sie zu beneiden, hast du etwas unternommen.
Du hast dich aufgerappelt, die Drachenschnur fest in der Hand, und bis losgerannt, als würdest du dem Wind nachjagen. Gleichzeitig hast du zu deinem Drachen zurückgeblickt und ihn angefleht, mitzuhalten. Leicht ist der Drachen gesunken, und dein Herz mit ihm, also bist du noch schneller gerannt. Und dann pfiff der Wind an deinen Ohren vorbei, strich durch deine Haare und blies in deinen Drachen hinein, trug ihn hoch und immer höher, und du hattest das Gefühl, er könnte dich mitnehmen.
Erinnerst du dich an dieses Gefühl in deiner Brust, als du endlich langsamer werden konntest, weil du wusstest, dass alles in Ordnung sein würde? Du hattest dein Bestes gegeben, und jetzt war dein Drachen dort oben, hoch in der Luft, zusammen mit all den anderen.
Manchmal ist dein Drachen trotz allem immer noch zu Boden gestürzt. Vielleicht hat jemand deine Verzweiflung bemerkt und angeboten zu helfen, denn manchmal ist eine Person allein nicht genug, wenn man versucht, Großes zu erreichen. Und es gibt nichts Tröstlicheres, als zu wissen, dass du nicht allein bist. Dass es immer jemanden geben wird, irgendwo, der bereit ist, mit dir zu rennen, immer schneller, bis dein Drachen endlich frei ist..
Marwan Mohammad, 11 Jahre alt, Gaza, Juli 2009
Quellen
Textauszüge aus „Eine Million Drachen“ – Zeugnisse und Gedichte von Kindern aus Gaza (2023 – 2024)
von Leila Boukarim & Asaf Luzon