(DE) Ahmad, ein 44-jähriger Vater von fünf Kindern aus dem Viertel a-Nasr in Gaza-Stadt, berichtet über die Tötung seiner Frau und seines ältesten Sohnes bei einem Brand, der in dem Zelt seiner Familie ausbrach, das auf dem Gelände des Shuhada al-Aqsa Krankenhauses bombardiert wurde. Er sprach auch über seine Kinder, die schwere Verbrennungen erlitten:
Bis zum Krieg lebte ich mit meiner Frau Alaa, 37, und unseren Kindern – Sha’ban, 20, Farah, 19, Muhammad, 17, Rahaf, 14, und ‘Abd a-Rahman, 11 – im Viertel a-Nasr im Westen von Gaza-Stadt. Im Oktober 2023 forderte uns die Armee über SMS und Flugblätter auf, aus dem Norden Gazas zu fliehen. Wir mussten in den Süden Gazas umziehen, und ich baute ein Zelt für meine Familie auf dem Gelände des Shuhada alAqsa Krankenhauses. Die Bedingungen waren hart: Wir hatten kein Wasser, keinen Strom und kein Badezimmer, und das Zelt, das aus Plastikplanen bestand, schützte uns vor nichts. Wir litten sehr, aber mit der Zeit lernten wir, damit umzugehen.
Am 6. Oktober 2024 war mein Sohn Sha’ban in der Moschee des Krankenhauses, um den Koran zu studieren, und schlief vor Erschöpfung ein. In derselben Nacht wurde die Moschee bombardiert und 25 Menschen wurden getötet. Als ich von dem Angriff erfuhr, war ich mir sicher, dass Sha’ban tot war, aber Gott beschützte ihn, Gott sei Dank, und er wurde nur leicht am Ohr verletzt.
Eine Woche später, am Montag, dem 14. Oktober 2024, gegen 1:00 Uhr morgens, kam ich gerade von der Toilette zurück zu unserem Zelt, als ich das laute Sirren einer Drohne über uns hörte. Ihr lautes Geräusch erschreckte mich sehr und ich wurde sehr angespannt. Ich bat Gott, uns zu beschützen und betete, dass nichts Schlimmes passieren würde, fragte mich aber auch, wer von uns in dieser Nacht sterben würde.
Plötzlich fiel ein Feuerball auf das Zelt und traf meine Kinder. Ich sah, dass sie sich nicht bewegten, und sofort beschloss ich, hineinzugehen und sie zu retten. Ich glaube, mein väterlicher Instinkt trieb mich dazu an. Ich warf mich in die Flammen und schaffte es, ‘Abd a-Rahman, Rahaf, Farah und meine Frau, die neben ihnen schlief, aus dem Zelt zu holen. Ich sah, wie das Feuer Sha’bans Körper verbrannte. Er hatte auf einem Holzstuhl direkt an der Stelle geschlafen, wo die Bombe einschlug. Ich sah, wie sein Gesicht in den Flammen schmolz, es war ein schrecklicher Anblick. In diesen Momenten erreichte ich den Gipfel der Niederlage und des Herzschmerzes. Ich sagte zu ihm: „Es tut mir leid, mein geliebter Sohn, aber ich kann dir nicht helfen.“
Meine Frau überlebte das Feuer nicht. Abschied von ihr zu nehmen, war sehr schwer. Wir waren 21 Jahre lang verheiratet. Junge Männer brachten mich zum Krankenhauskreuz. Ich hatte Verbrennungen dritten Grades an meiner Hand und im Gesicht, aber ich machte mir keine Sorgen um mich selbst – ich dachte nur an meine Kinder, die schwer verwundet waren. Nur Muhammad, der zum Zeitpunkt des Angriffs nicht im Zelt war, wurde nicht verletzt.
Farah und ‘Abd a-Rahman befinden sich jetzt auf der Intensivstation im a-NasrKrankenhaus in Khan Yunis und erholen sich. Beide sind in einem schlechten Zustand. Sie leiden unter schweren Verbrennungen und sind an Maschinen angeschlossen. Sie sind wie “Gemüse” – sie bewegen sich nicht. Sie könnten jeden Moment sterben. Rahaf, die ebenfalls Verbrennungen erlitten hat, ist im Amerikanischen Krankenhaus in Deir al-Balah.
Heute habe ich sie im Krankenhaus besucht. Zuerst wollten die Ärzte mich nicht zu ihnen lassen, wegen ihres Zustandes, und erst nachdem ich sie angefleht hatte, ließen sie mich in ihr Zimmer. Ich schwöre bei Gott, als ich hineinging, habe ich sie wegen der Verbrennungen an ihrem ganzen Körper nicht wiedererkannt.
Sha’ban war ein herausragender und wissbegieriger Schüler. Seine Noten bei den Abiturprüfungen waren exzellent, und er hatte große Ziele für sein Leben – er wollte im Ausland Medizin studieren, aber ich habe es ihm nicht erlaubt, weil ich ihn hier bei mir haben wollte. Er studierte Informatik an der Universität, und ich wollte sehen, wie er erfolgreich wird. Er hatte geplant, sein Studium fortzusetzen, einen Master außerhalb des Gazastreifens zu machen und eines Tages seine eigene Firma zu gründen.
Sha’bans Geburtstag war am 16. Oktober und ‘Abd a-Rahmans am 24. Oktober. Im Oktober wurden wir auch angegriffen. Jetzt ist der Oktober ein schwarzer Monat für mich – ich wünschte, dieser Monat würde nicht im Kalender erscheinen. Ich bin gebrochen. Gott genügt uns, und wie gut ist es, sich auf ihn zu verlassen.
A 44-year-old father of five from the a-Nasr neighborhood in Gaza City, Ahmad recounted the killing of his wife and eldest son in a fire that broke out in his family’s tent, which was bombed on the grounds of Shuhada al-Aqsa Hospital. He also spoke about his children who were severely burned:
Up until the war I lived with my wife Alaa, 37, and our children–Sha’ban, 20, Farah, 19, Muhammad, 17, Rahaf, 14, and ‘Abd a-Rahman, 11–in the a-Nasr neighborhood in western Gaza City. In October 2023, the army told us to flee north Gaza via texts they sent to our phones and leaflets they dropped from the air. We had to move to southern Gaza, and I built a tent for my family on the grounds of the Shuhada al-Aqsa Hospital. The conditions were harsh: We didn’t have water, electricity or a bathroom, and the tent, which was made of plastic sheets, didn’t protect us from anything. We greatly suffered, but with time we learned to deal with it.
On 6 October 2024, my son Sha’ban was in the hospital’s mosque studying the Quran, and fell asleep from being so exhausted. That same night, the mosque was bombed and 25 people were killed. When I found out about the bombing, I was sure that Sha’ban was gone, but God protected him, thank God, and he was only lightly injured with cuts on the back of his ear.
A week later, on Monday, 14 October 2024, at around 1:00 A.M., as I was coming back from the bathroom to our tent, I heard the loud buzzing of a drone that was flying overhead. Its loud sound really scared me, and I got very stressed. I asked God to protect us, and prayed that nothing bad would happen, but I also wondered who of us would die that night.
Suddenly, a ball of fire fell on the tent and hit my children. I looked at them and saw that they weren’t moving, and in an instant I decided to go in and save them. I think my fatherly instinct pushed me to do that. I threw myself into the fire and I managed to take ‘Abd a-Rahman, Rahaf, Farah, and my wife, who was sleeping next to her, out of the tent. I saw the fire burning Sha’ban’s body. He had been sleeping on a wooden chair right next to where the bomb fell. I saw his face melt from the flames, it was a horrific sight. In those moments I reached my peak of defeat and heartbreak. I said to him, “I’m sorry, my beloved son, but I can’t help you.”
My wife didn’t survive the fire. Saying goodbye to her was very hard. We were married 21 years. Young men evacuated me to the hospital’s entrance. I had third-degree burns on my hand and face, but I wasn’t worried about myself–I thought only of my children who were badly wounded. Only Muhammad, who hadn’t been in the tent at the time of the bombing, wasn’t hurt.
Farah and ‘Abd a-Rahman are now in the ICU and in recovery at a-Nasr Hospital in Khan Younis. Both of them are in a bad state. They suffer from severe burns and are connected to machines. They’re like vegetables—they don’t move. They could die at any moment. Rahaf, who also suffers from burns, is at the American Hospital in Deir al-Balah.
Today I visited them in the hospital. At the beginning, the doctors didn’t want to let me see them because of the condition they’re in , and only after I pleaded with them did they let me enter their room. I swear to God that when I went in I didn’t recognize them because of the burns they have all over their bodies.
Sha’ban was an outstanding student who loved to learn. His grades on the matriculation exams were excellent, and he had big goals for his life–he wanted to study medicine abroad but I didn’t allow it because I wanted him to stay here with me. He studied computers at the university and I wanted to see him succeed. He planned to continue studying and do a master’s degree outside of the Strip, and one day found his own company.
Sha’ban’s birthday was on 16 October and ‘Abd a-Rahman’s was on 24 October. October is also the month we were attacked. Now, October is black for me–I wish the month wouldn’t appear on the calendar. I am broken. God suffices us, and how good it is to rely on Him.
Eine Zeugenaussage von Ahmad a-Dalu (44 J.) vom 17. Oktober 2024 für die größte israelische Menschenrechtsorganisation B’tselem. Am Tag nach dieser Zeugenaussage starb Ahmads 11-jähriger Sohn, ‘Abd a-Rahman, an seinen Wunden. Seine Schwester, Farah, 19 J., überlebte noch einige Tage, bevor auch sie am 21. Oktober 2024 starb.
Gelesen von Rami Hamze