Erinnerungen

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Seine letzten Worte

“Ich habe Murad 2019 kennengelernt. Damals gingen wir gemeinsam als Teil der Bewegung Bidna Na’eesh [“Wir wollen leben”, Anm. d. Red.] auf die Straße, um für bessere Lebensbedingungen in Gaza zu demonstrieren. Murad war im Nuseirat Flüchtlingslager aufgewachsen. Er war wie ich Gegner der Hamas und glaubte an die Zweistaatenlösung. Leider hat ihm das nichts genützt.

Im Juli habe ich das letzte Mal mit ihm gesprochen. Die ständigen Evakuierungen von einem Ort zum nächsten belasteten ihn. Ein Ende des Krieges war für ihn nicht in Sicht. Er glaubte, dass dieser so lange dauern würde, bis alle Palästinenser aus dem Gazastreifen nach Ägypten vertrieben wurden. Am Nachmittag des 5. Oktober schrieb Murad einen Facebook-Post: “Kein Ort ist unter dem Himmel Gazas sicher.”

Das waren seine letzten Worte. Seine Frau und sein kleiner Sohn waren bereits im April getötet worden. Wenige Stunden nach dem Verfassen des Posts war auch Murad tot.”


Eine Erinnerung von Rami Hamze
Gelesen von Rami Hamze

Hamza Howidy, 26, Friedensaktivist aus Gaza, erinnert sich an seinen Freund Murad Mustafa, 35. Hamza Howidy hat Asyl in Deutschland beantragt.


Mein Freund

“Bei Gaza denken viele nur an Krieg. Mohammed und ich aber wollten die Geschichten der Menschen erzählen. So haben wir oft am Strand von Gaza gefilmt, weil er den Menschen hier als Erholungsort so viel bedeutet. Wir haben uns im Krieg 2014 als Journalisten kennengelernt. Natürlich waren viele unserer Recherchen und Reportagen gefährlich. Aber ich habe mich immer bedingungslos auf ihn verlassen können.

Er hatte ein so gutes Auge für Bilder. Ich konnte kaum glauben, dass wir in Gaza so talentierte Leute haben. Er hätte für einen internationalen Sender arbeiten müssen! Zuletzt haben wir für verschiedene Medienunternehmen gearbeitet. Aber in diesem Krieg haben wir uns regelmäßig in den Krankenhäusern gesehen; nur dort konnten wir unsere Batterien laden und arbeiten.

Er schenkte mir eine ganze Schachtel Zigaretten, als es sie nur noch zu exorbitanten Preisen auf dem Schwarzmarkt gab. Er war großzügig und ermutigte mich, mehr vom Leben zu fordern. An einem Tag lief er den ganzen Weg von seiner Notunterkunft in der Mitte Gazas zu mir nach Rafah in den Süden, nur um mit mir über unsere Gefühle und unser Leben zu sprechen. Ich ahnte nicht, dass dies unser letztes Gespräch sein würde.

Zwei Tage später habe ich in seiner Nähe in Deir al-Balah gefilmt, ohne Internet. Als ich am Abend im Al-Aksa-Krankenhaus war, um ihn zu besuchen, erfuhr ich, dass er zusammen mit seiner Frau und seiner zweijährigen Tochter bei einem israelischen Luftangriff auf das Krankenhausgelände getötet wurde. Ich bin Journalist. Aber in diesem Krieg hatte ich nicht einmal die Möglichkeit, vom Tod meines Freundes zu erfahren.”


Eine Erinnerung von Mohammed Abu Saif
Gelesen von Julia Wadhawan

Mohammed Abu Saif, 31, Journalist, erinnert sich an seinen Freund Mohammed Teschreen, 29, Videojournalist, Gaza-Stadt. Abu Saif konnte Anfang dieses Jahres über Ägypten ausreisen. Er arbeitet seitdem in München weiterhin für die ARD.


Die kleine Schwester

“Ich erinnere mich noch, wie wir fünf Schwestern uns an den Händen gehalten und getanzt haben. Wir haben für meinen Junggesellinnenabend geübt. Irgendwann sagte Lana: “An deiner Hochzeit will ich einen Tanz mit dir, nur wir beide.” Die Hochzeit fand nicht statt, unser Tanz wird nie passieren.

Wir Älteren haben Lana als Jüngste immer verwöhnt. Sie war unser kleiner Liebling, unsere Schlaue, ein bisschen wie unsere eigene Tochter. Lana hat die Schule geliebt, vor allem Naturwissenschaften. Wir haben immer gesagt, dass sie irgendwann mal selbst unterrichten wird. Sie hat total viel geredet und sich gerne an unserem Make-up bedient.

Kurz nach Beginn des Krieges flohen wir von Gaza-Stadt nach Deir al-Balah, wo wir in einem zweistöckigen Haus mit unseren Verwandten unterkamen. Seitdem hing Lana sehr an unserer Mutter, hat meistens in ihrem Schoß geschlafen. An einem Tag setzte sie unseren zweieinhalbjährigen Cousin in den Schoß unserer Mutter. “Füttere ihn mal” – als hätte sie schon einen Ersatz für sich geholt.

Lana wollte nur kurz rausgehen. “Gott sei mit dir”, sagte unsere Mutter. “Okay, ich bin gleich wieder da!” Lana war noch im Haus, als die Raketen einschlugen, genau auf ihrer Seite. Bei dem Angriff Anfang Dezember wurden 25 Mitglieder meiner Familie getötet. Lanas Körper konnten wir bis heute nicht finden.”


Eine Erinnerung von Rahaf Suheil Madi
Gelesen von Jill Cebeli

Rahaf Suheil Madi, 24, erinnert sich an ihre kleine Schwester Lana Suheil Madi, 10, Gaza-Stadt. Die gelernte Programmiererin wurde bei demselben Angriff Anfang Dezember schwer verletzt und nach Kairo zur medizinischen Behandlung gebracht.


Hadeel

“Hadeel war nicht nur meine älteste Schwester, sie war auch eine gute Freundin. Schon als Kind liebte sie es, zu lesen. Sie war es, die mich zum Lesen und zum Schreiben brachte. Unter dem Himmel Kopenhagens der irakisch-dänischen Autorin Hawra al-Nadawi fand sie so gut, dass sie es auch mir zum Geburtstag schenkte. Sie träumte davon, Kopenhagen irgendwann zu besuchen.

Vor drei Jahren sah ich Hadeel während eines Besuches im Gazastreifen das letzte Mal. Da fragte sie mich: “Wie fühlt es sich für dich an, zurück zu sein? Was ist der Unterschied zwischen der weiten Welt da draußen und der Enge in Gaza?” Ich antwortete: “Ich wünschte, du könntest sehen, wie groß und voller Leben diese Welt ist.” Hadeel selbst plante, mit einer Genehmigung für einen Urlaub nach Ägypten zu reisen. Dann begann der Krieg.

Am 13. Oktober 2023 sah ich Nachrichtenmeldungen über einen israelischen Luftangriff in ihrem Viertel in Rafah. Ich versuchte, sie sofort anzurufen, vergeblich. Auch den Rest meiner Familie konnte ich zunächst nicht erreichen. Hadeel, ihr Ehemann Basel und die vier gemeinsamen Kinder wurden bei dem Angriff getötet: Eileen war sieben Jahre alt, Celine war fünf, Mahmoud war zwei und Mohammed war gerade einmal 45 Tage alt. Bilder von ihren Leichen oder dem zerstörten Haus habe ich absichtlich nicht in den sozialen Medien geteilt. Ich möchte mich so an sie erinnern, wie sie waren: lachend, tanzend. Sie liebten das Leben und wollten nicht sterben.”


Eine Erinnerung von Karim Abualroos
Gelesen von Kai Schuhmann

Karim Abualroos, 27, Schriftsteller und Wissenschaftler, erinnert sich an seine Schwester Hadeel Abualroos, 31, Physiklehrerin, Rafah . Er lebt mit seiner Familie in Belgien.

Quellen

Gazastreifen “Ich möchte mich so an sie erinnern, wie sie waren: lachend, tanzend” – Der Gazastreifen liegt in Trümmern, Zehntausende sind getötet. Hier gedenken Angehörige und Freunde ihrer Töchter, Lehrerinnen, Freundinnen und Schwestern.

von Laila Sieber, Anna-Theresa Bachmann, Kairo und Quynh Trần, Tel Aviv (28. Oktober 2024, 16:31 Uhr)
https://www.zeit.de/politik/ausland/2024-10/gazastreifengedenken-opfer-familie-bodenoffensive