Schon als ich klein war, habe ich gemerkt,
Dass ich einer Person zwar gegenüberstehen kann, aber wir trotzdem zwei ganz unterschiedliche Wahrnehmungen der Realität haben können, weil sie sehen kann, was ich übersehe und nicht sehen, was ich für ganz normal halte.
Ob und inwiefern jemand die trockenen Böden, die Diskriminierung migrantischer Mitschüler, die obdachlose Person am Bahnhof, die Polizei und ihre Gewalt sieht und was sie dabei fühlt, hängt auch davon ab, welche Zeitungen und welche Sender konsumiert werden. Wir können im selben Ort leben und haben trotzdem eine völlig verschiedene Informationsgrundlage.
Eine Geschichte kann auf eine Million Arten erzählt werden.
Doch lange dachte ich, dass es Situationen gibt, in denen unser aller Wahrnehmung ähnlich sein muss, in denen wir alle wissen, was zu tun ist. Schließlich haben wir jahrelang alle gemeinsam in der Schule Nie Wieder gebetet, und selbstverständlich versprochen laut zu werden, wenn es wieder passiert.
Ich dachte, so selbstverständlich wäre es mit Palästina. Wenn Jagd auf Journalist*innen gemacht wird, wenn Krankenhäuser zu Asche gebombt werden, wenn Menschen um Essenspakete kämpfen müssen, wenn Bulldozer Häuser zerstören und deren Bewohner von Siedlern vertrieben, gefoltert und erschossen werden, wenn Jugendliche für kleinste Formen des legalen Widerstands willkürlich verhaftet und eingesperrt werden und israelische Politiker im Live Fernsehen Ausrottungsfantasien äußern.
Man sieht das und blickt sich um, doch um einen herum agieren alle einfach wie immer. Es sind zwei Realitäten, die aufeinander prallen und einfach nicht zusammenpassen. Man fühlt sich, als wäre man in einer Simulation, als würde gerade irgendetwas falsch laufen, wenn man in die Augen eines anderen Menschen schaut und merkt, dass dieser so ganz anders auf das Bild eines verblutenden Kindes reagiert.
Und schließlich fragt man sich, wie das passiert ist, dass unsere Wahrnehmungen so abgekoppelt voneinander sind, wie das überhaupt funktionieren kann und wer dafür verantwortlich ist.
Es funktioniert über Politiker*innen, deren Großeltern noch Hitler halfen, die in TalkShows von importiertem Antisemitismus reden, während von staatlicher Seite Repression und Überwachung jeden Tag steigen. Es funktioniert durch Journalist*innen, Kolleg*innen, die von Hamas in Krankenhäusern, Hamas in Wassertanks, Hamas in Kindergärten, Hamas in Kameras berichten, während Mitmenschen jeden Tag auf Berlins Straßen verprügelt werden, Förderungen für Solidarität gestrichen wird und Menschen abgeschoben werden.
Es funktioniert über die Tagesschau, die uns erklärt, dass das hungernde Kind zum Glück gar kein hungerndes Kind ist, sondern ein hungerndes Kind mit Vorerkrankung und die uns weiß machen will, dass das eine logische Aussage wäre.
Es funktioniert, indem Solidarität zwar ausgesprochen wird, aber nicht ohne Abgrenzung zu aggressiven Arabern auf der Sonnenallee.
Indem Opposition immer noch kontrollierbar bleibt und den Regeln eines Systems folgt, dass die Massenvernichtung des palästinensischen Volkes überhaupt erst ermöglicht.
Indem auf teuren Bühnen diskutiert und Geld verdient wird, aber die Blockade eines Waffenproduzenten bleibt unangemessen und extrem und keine logische Konsequenz aus der Realität.
Es funktioniert, indem die Kinder Gazas Essen bekommen sollen, aber ein Ende der Bombardierung, der Apartheid und des Kolonialismus oder überhaupt dieses Benennen geht zu weit.
Es funktioniert durch das panische, ziellose, ablenkende Verurteilen von Gewalt palästinensischer Gruppen ohne ernsthaftes Interesse, die Ursachen dieser zu finden, zu verstehen und anzugehen, um zukünftige Opfer zu vermeiden.
Es gibt Momente, in denen wir Angst haben vor den Konsequenzen unserer Solidarität und das ist normal. Doch niemand wird durch Schweigen, durch Opportunismus langfristig sicherer, in einem System das Profite über Leben stellt.
Mögen wir uns treu bleiben, mögen wir mutig sein und mögen wir zusammenstehen.
Ein Textbeitrag geschrieben und gelesen von Judith Scheytt, Medienkritikerin und Aktivistin.