Sechs Monate nun und sie sind immer noch nicht zu Hause. Achtundsiebzig Jahre nun und sie sind immer noch nicht zu Hause. Und was einst ein belagertes Heim war, ist jetzt ein Massengrab. Die allzulang schon entrechteten Körper finden keine Ruhe. Ohne Arme, ohne Beine, ohne Mann, ohne Frau, ohne Kind.
Übermenschlich stemmen sich palästinensische und jüdische Menschen gemeinsam gegen Netanyahu, Hamas und den Krieg, im gar nicht mehr so gelobten Land. Und im Land der Täterinnen? Da brennen Synagogen und die Wunde der Shoa glüht.
Die Staatsräson räumt auf mit den „Abtrünnigen”!
Jude oder nicht, entweder du bist für uns oder du bist gegen uns, rufen die gepanzerten Sittenwächter:innen, treten die Friedenskerzen zu Brei und brechen, was nach Freiheit ruft, das ach so gelobten Gut der Demokratie.
Die, die meist keinen Pass haben oder viel zu lange warten mussten auf die Gnade einer Zuflucht vom Räuber der Gleichen. Die, deren Identität nicht identitätsstiftend sein DARF im Namen des „NIE WIEDER”, schlucken den beißenden Schmerz des immer andauernden Todes und trocknen angsterfüllt und heimlich ihre Tränen.
Der Konzern der Antideutschen, der Landverkäufe im gelobten Land auf den Rücken der Leichen makelt, preist in seinem Volksblatt die Gäng die jetzt von allen Antideutschen geliebt wird wir loben, wir loben, die Antilopen und wetzt die Messer im Glaubenskrieg. Ja! Wir sind immer noch im Krieg.
Der Faschismus wohnt in uns. Die Asche der in den Lagern Ermordeten, war der Dünger des Wiederstarken der deutschen Lande. Auf diesem baut Rheinmetall die Todesschwadrone. Die Ökonomen jubeln angesichts steigender Kurse. Und die Erben der Mörder rufen die neue Wehrhaftigkeit aus.
Heiner Müller schreibt in seinem Horatier:
,..Und von den Römern einer fragte die andern:
Wie soll der Horatier genannt werden der Nachwelt?
Und das Volk antwortete mit einer Stimme:
Er soll genannt werden der Sieger über Alba.
Er soll genannt werden der Mörder seiner Schwester.
Mit einem Atem sein Verdienst und seine Schuld.
Und wer seine Schuld nennt und nennt sein Verdienst nicht,
der soll mit den Hunden wohnen als ein Hund.
Und wer sein Verdienst nennt und nennt seine Schuld nicht,
der soll auch mit den Hunden wohnen.
Wer aber seine Schuld nennt zu einer Zeit,
und nennt sein Verdienst zu anderer Zeit,
redend aus einem Mund zu verschiedner Zeit anders
oder für verschiedne Ohren anders,
dem soll die Zunge ausgerissen werden.
Nämlich die Worte müssen rein bleiben.”
Was ist Reinheit? frage ich mich.
Jedes Leben! JEDES, dass nicht gewogen wird, gleich jedem Anderen, liegt tonnenschwer auf der Moral. Schwaches Rückgrat einer Erzählung, die nicht mehr sprechbar ist.
Schweigen. Hören. Fühlen.
„Sit with your monsters” meint Bayo Akomolafe.
Also sitzen wir.
“Im Land der Täterinnen” ist ein Textbeitrag, geschrieben und gelesen von Kai Schuhmann, Schauspieler