Jedes Mal
wenn ich meine Blumen mit Trinkwasser gieße
mit Trinkwasser dusche
wenn ich Essensreste in den Müll werfe
wenn mein Kind vom Toben heimkommt
und sagt ich habe so Hunger
wenn mein Finger den heißen Kochtopf streift
wenn ich im vollen Supermarkt stehe
und die Jaffa-Kekse im Regal
wenn ich Wunden meiner Kinder verarzte
die beim Spielen entstanden sind
wenn ich Schmerzmittel nehme
wenn ich meine Periode habe
und Hygieneprodukte benutze
wenn ich in meinem friedlichen Garten sitze
umgeben von Grün
und nichts höre
außer Vogelgezwitscher
und die Musik vom Nachbarn
wenn ich abends in mein frisches Bett steige
und abschalten kann
wenn ich in ein anderes Land gehe
meinen privilegierten Pass in der Hand
der keine Fragen aufwirft
wenn ich die Füße meiner kleinen Tochter massiere
oder ihre Hand halte in dem Wissen
dass sie diese sehr wahrscheinlich nie verlieren wird
wenn ich meine großen Kinder anschaue
die groß werden konnten
in Freiheit und mit so vielen Chancen
dann denke ich an dich
liebe Freundin Sabrina
und an deine Kinder
wie wir uns umarmt haben damals
so hoffnungsvoll
dass es bald vorbei sein würde
mit der Besatzung
und wie du mir einen selbstgemachten Geldbeutel
mit Tatreez-Stickerei geschenkt hast
Ich denke an Dich lieber Freund Ahmed
an deine Frau und deine Kinder
wie du zu Beginn unserer nun zehnjährigen Freundschaft
monatelang dachtest ich sei Jüdin
denn wieso sonst sollte sich eine Deutsche
für Nahost interessieren
sagtest du mir später
Ich denke an Dich lieber Freund Tamer
der du es geschafft hast
allen Umständen zum Trotz
Arzt zu werden
mit einer Spezialisierung auf Brandwunden
nachdem ich Dir vor Jahren das Buch
Ich werde nicht hassen
von Doktor Izzeldin Abuelaish geschickt habe.
und wie eine jüdische Freundin Dir dabei geholfen hat
die Studiengebühren zu zahlen
Ich denke an dich Bassem
und an deine Kinder
an deine Facebook-Posts
die noch immer fast unerträglich
voller Hoffnung sind
und wie du dich weigerst zu hassen
Ich denke an dich Malak
und an deine Kunst
mit der du seit Jahren versucht hast die Welt
auf Euer Schicksal aufmerksam zu machen
Es zerreißt mich
mein normales Leben zu führen
in dem Wissen
dass Ihr alle so unerträglich leiden müsst
und wir nichts tun können
außer Euer Leid zu dokumentieren
zu bezeugen
zu zeigen
und zu versuchen
unerträglich kalte und ignorante Menschen
davon zu überzeugen
dass ihr Frieden und Freiheit verdient habt
ohne jegliches Wenn und Aber
Mein Herz ist in Gaza
jeden Tag
und es wird dort bleiben
bis ihr alle frei seid
Ein Textbeitrag geschrieben und gelesen von Sonja Howard, Autorin und Expertin für Kinderschutz