Hör zu, Deutschland.
Ich weiß, du magst es nicht, wenn dich jemand wie ich im Imperativ anspricht – schon gar nicht zu dem, was ich dir jetzt sage.
Ich wurde unter deinem Himmel geboren, im hohen Norden Niedersachsens, wo man perfektes Hochdeutsch spricht. Kindergarten, Grundschule, ein gebrochener Arm – auf meinem Gips nur Timo, Nina, Jana, Lars. Kein Name wie meiner. Manche sprechen ihn bis heute nicht aus, sagen lieber “Liebes” oder “Frau Kollegin”. Dieses Thema ermüdet dich. Dabei ist dir die korrekte Benennung sonst heilig – so heilig, dass du hinnimmst, wie täglich eine ganze Schulklasse Kinder stirbt, während du über Definitionen streitest.
Unter deinem Himmel habe ich gelegen, Fields of Gold gehört, den Wolken nachgesehen. In den Ferien trieb ich im Meer vor Italien, hielt den Himmel im Blick. Ich erinnere mich an den Himmel, als meine Tochter geboren wurde – wochenlang Regen, doch an diesem Tag goldenes Herbstlicht. Bei meinem Sohn schnitt das erste Morgenlicht die Winternacht, Eis glitzerte an den Fenstern.
Derselbe Himmel stand über den Zeilen in meinem Tagebuch, nachdem ich über Hiroshima gelesen hatte. Ich fragte mich, warum man für den Diebstahl von Brot bestraft wird, nicht aber für den Abwurf einer Atombombe. Heute weiß ich: Für dich wiegt die Herkunft des Täters schwerer als die Tat.
Was ist das für ein Himmel, Deutschland?
Einer, unter dem ich meine Kinder im Arm halten darf, während Mütter in Gaza den Himmel nur ahnen, weil Trümmer über ihnen liegen. Einer, unter dem Kinder – oder nur ihre Teile – über den Horizont fliegen. Einer, unter dem Mütter unter Trümmern gebären, hinaufschauen – bevor eine abgeworfene Hilfsladung, vielleicht deine, Deutschland, ihr Kind erschlägt.
Auf deinen Wegen liegen Stolpersteine, aber du hast gelernt ihnen auszuweichen. Du erzählst dir, du hättest aus der Geschichte gelernt. Dass Grundgesetz, Brandmauer, Nie wieder aus dir selbst gewachsen seien. Ich wollte es glauben. Ich schäme mich, dich so lange verteidigt zu haben.
Wo ist deine Würde, Deutschland?
Seit 2023 wurden in Europa zu massenhaften Festnahmen, bei pro-palästinensischen Protesten. Allein in London wurden an einem einzigen Tag fast fast 450 Menschen verhaftet. Auch in Deutschland ist die Repression brutal. Der Europarat kritisierte öffentlich die exzessive Gewalt der Polizei gegen Demonstrierende und sprach von einer ernsthaften Gefährdung der Meinungsfreiheit. Und Du schweigst, Deutschland, Während in Gaza JournalistInnen ermordet wurden – Menschen, die alles riskieren, damit niemand sagen kann, er habe es nicht gesehen, er habe es nicht gehört, er habe es nicht gewusst.
Du hast mir Brecht beigebracht:
„Was sind das für Zeiten, wo Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!”
Sag mir – hast du diese Zeilen je wirklich verstanden?
Hör zu, Deutschland.
Ich sitze hier, umgeben von Menschen, denen egal ist, was seit zwei Jahren vor aller Augen geschieht – straffrei. Mein Körper erträgt es nicht mehr, bei ihnen zu sitzen, ihr Geplapper über das Maschseefest oder Zara-Schnäppchen zu hören. Ich ertrage es kaum, mit Menschen zusammen zu sein, die nichts als Urlaubsbilder posten. Es fügt mir körperlichen Schmerz zu.
Ich will nur Wahrheit: keine halben Sachen, keine Inszenierung, keine geheuchelte Anteilnahme.
Ich umgebe mich nur noch mit Menschen, die wie ich an eine Freiheit glauben, die Würde als unantastbar behandelt – nicht als etwas, das man eintauscht, um die zu schützen, die mit deinen Waffen auf alles zielen, was sich bewegt: auf Kinder, Mütter, Väter, Alte, Ärztinnen, Journalistinnen, Künstler*innen, Menschen mit weißer Fahne.
Du sprichst die Namen derer nicht aus, die du ausgrenzt. Du glaubst nicht an ihre Unschuld. Du gestehst dir nicht ein, dass sie dir mehr über Menschlichkeit zeigen, als du je konntest – und dass sie dafür aufstehen, selbst wenn es ihr Leben kostet.
Du kannst den Entrechteten nichts mehr über Gerechtigkeit beibringen, Deutschland.
Wir haben unter deinem Himmel deine Sprache gelernt. Wir sind Teil von dir.
Und wir erheben sie – bis du begreifst, dass Täter nicht unschuldig werden, nur weil du sie als Freunde bezeichnest.
“Keine halben Sachen” ist ein Textbeitrag von der Autorin Cali Demaré alias @parthenopesworte aus Hannover
Gelesen von Cali Demaré
Quellen
https://www.amnesty.org/en/latest/news/2024/05/europe-authorities-must-protect-expression-nakba
https://www.euronews.com/2023/10/19/mass-arrests-following-pro-palestinian-rally-in-berlin
https://al-shabaka.org/roundtables/palestine-solidarity-crackdown-challenges-in-the-us-europe
https://unicornriot.ninja/2025/germanys-crackdown-on-palestinian-solidarity
https://www.index-of-repression.org/platform
https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/E-9-2024-000243_EN.html#
https://www.bbc.com/news/world-europe-67088547.amp
https://ilmanifesto.it/presidi-per-gaza-a-torino-scattano-le-richieste-darresto
https://jewishcurrents.org/an-anti-palestinian-crackdown-across-europe
Journalisten
https://press.un.org/en/2025/db250811.doc.htm?utm_source=chatgpt.com
https://rsf.org/en/gaza-rsf-calls-emergency-un-security-council-meeting-after-targeted-israeli-strike-kills-six-media