(EN) No time for despair
“I am speaking to you today both as a member of civil society and as a healthcare worker who has witnessed firsthand the death and destruction inflicted upon the Palestinian people. We spent the past 14 months watching as the most live-streamed and documented genocide in history has been met with silence and widespread propaganda campaigns justifying the unjustifiable, silencing, and discrediting those who have attempted to exposed it.
The eye witnesses that have made it out alive consistently reported crimes that in any other context would have led to sanctions. But here after 14 months of the most grave breaches of humanitarian law, gross violations of human rights, barbaric war crimes, it is met with impotence by individuals, countries, and the very institution represented by this very building.
One day someone will dig up the records of our testimonies, pleading for 14 months. They will dig up the records of Palestinians covering their own genocide when international journalists were unprecedently banned from entering. Palestinian children setting up press conferences to tell the world that their lives mattered. We will have to reckon with this history.
The precedent that has been set in Gaza, it’s gonnal spread everywhere throughout the world. It signals the demise of the rule of law. We have already seen it spread to Lebanon. As one volunteer surgeon said “When I was in Gaza I felt like it was a prelude to the end of humanity.” If solidarity with your fellow humans is not enough of a reason to act, think about how this is going to spill over. This should be frightening for everyone.
I recognize that the words I shared with you today are heavy. These words pale in comparison to the reality experienced by Palestinians for over 400 days – and 76 years before that. Palestinians do not need our pity or our praise. They need our meaningful and truthful solidarity. And there is no time for despair. In the 24 hours I will spend in this city, approximately 60 children in Gaza will be injured or killed.
I recognize that many of you, by virtue of being here today, are already convinced of the need to act. It takes courage to fight a corrupted system. […]
Today, as all of us sit here in the comfort of safety, Dr. Hussam Abu Safia is in Kamal Adwan Hospital, just discharged from the intensive care unit after he was injured by an Israeli strike. His son was killed not long ago, and his two daughters are injured. Yet he continues steadfastly to provide care for his patients. He said, a few days ago, “we will continue to provide this service at any cost to ourselves” .
The courage and action by Palestinian healthcare workers in the face of this genocide presents an exemplary model for all of us. The question I want to leave you with is — what are we risking?”
(DE) Keine Zeit für Verzweiflung
„Ich spreche heute zu Ihnen sowohl als Mitglied der Zivilgesellschaft als auch als Mitarbeiterin im Gesundheitswesen, die den Tod und die Zerstörung, die dem palästinensischen Volk zugefügt wurden, aus erster Hand miterlebt hat.
Wir haben in den vergangenen 14 Monaten mitangesehen, wie der am besten livegestreamte und dokumentierte Völkermord der Geschichte auf Schweigen und eine massive Propagandawelle stieß. Diese Kampagnen rechtfertigen das Unrechtfertigbare und bringen all jene zum Schweigen und diskreditieren sie, die versucht haben, es ans Licht zu bringen. Die Augenzeugen, die es lebend herausgeschafft haben, haben durchwegs von Verbrechen berichtet, die in jedem anderen Kontext zu Sanktionen geführt hätten.
Doch hier wird nach 14 Monaten der schwersten Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht, grober Menschenrechtsverletzungen und barbarischer Kriegsverbrechen, darauf mit Ohnmacht geantwortet – von Einzelpersonen, von Ländern und auch von genau dieser Institution hier, die dieses Gebäude repräsentiert.
Eines Tages wird jemand die Aufzeichnungen unserer Zeugenaussagen ausgraben, die seit 14 Monaten um Hilfe flehen. Man wird die Aufzeichnungen der PalästinenserInnen ausgraben, die über ihren eigenen Völkermord berichteten, als internationalen JournalistInnen die Einreise verboten war. Palästinensische Kinder, die Pressekonferenzen abhielten, um der Welt mitzuteilen, dass ihr Leben einen Wert hat. Mit all diesen Geschichten werden wir leben müssen.
Der Präzedenzfall, der in Gaza geschaffen wurde, wird sich überall auf der Welt ausbreiten. Er signalisiert den Niedergang der Rechtsstaatlichkeit. Wir haben bereits gesehen, wie er sich auf den Libanon ausbreitet. Wie ein ehrenamtlicher Chirurg sagte: „Als ich in Gaza war, hatte ich das Gefühl, das ist der Anfang vom Ende der Menschheit.“ Wenn Solidarität mit Ihren Mitmenschen nicht schon Grund genug ist, zu handeln, dann denken Sie doch einmal darüber nach, wie sich das alles ausbreiten wird. Das sollte für jeden beängstigend sein.
Ich bin mir bewusst, dass die Worte, die ich heute mit Ihnen geteilt habe, schwer wiegen. Diese Worte verblassen jedoch im Vergleich zu der Realität, die die PalästinenserInnen seit über 400 Tagen erleben – und seit den 76 Jahren davor. Die PalästinenserInnen brauchen weder unser Mitleid noch unseren Beifall. Sie brauchen unsere bedeutungsvolle und aufrichtige Solidarität. Und es ist keine Zeit für Verzweiflung. In den 24 Stunden, die ich in dieser Stadt verbringen werde, werden mindestens 60 Kinder verletzt oder getötet werden.
Ich bin mir bewusst, dass viele von Ihnen, die heute hier sind, bereits von der Notwendigkeit des Handelns überzeugt sind. Es erfordert Mut, gegen ein korruptes System anzukämpfen.
Heute, während wir alle hier in Sicherheit sitzen, befindet sich Dr. Hussam Abu Safia im Kamal Adwan Krankenhaus, wo er gerade von der Intensivstation entlassen wurde, nachdem er durch einen israelischen Angriff verletzt wurde. Sein Sohn wurde vor kurzem getötet, seine beiden Töchter sind verletzt. Und dennoch kümmert er sich weiterhin standhaft um seine Patienten. Vor einigen Tagen sagte er: „Wir werden diesen Dienst weiterhin leisten, egal was es uns selbst kosten mag.“
Der Mut und das Handeln der palästinensischen Gesundheitskräfte inmitten dieses Völkermords dienen uns allen als beispielhaftes Vorbild. Die Frage, mit der ich Sie zurücklasse, lautet: Was sind wir bereit, zu riskieren?“
Eine Rede von Dr. Tanya Haj-Hassan
Im Deutschen gelesen von Christina Moebus
Dr. Tanya Haj-Hassan ist pädiatrischen Intensivmedizinerin, die seit über
zehn Jahren immer wieder in Gaza tätig ist. Auch nach dem 7ten Oktober.
Im November 2024 sprach sie vor den Vereinten Nationen in New York.
Hier das Original, im Anschluss eine Übersetzung.