Madleen

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(DE) Madleen

„Was sollte das Ganze? Es war eine dumme Aktion. Sie wussten, was passieren würde. Sie waren zu wenige. Sie haben nichts erreicht. Es war alles sinnlos. “

Solche Worte hören wir nicht nur über die Freedom Flotilla, sondern auch über andere Aktivist*innen und Missionen in den letzten zwanzig Monaten. Doch es gibt einen weiteren wichtigen historischen Moment, zu dem man sich dieselben Fragen stellen könnte.

Am 18. Februar 1943 gingen Sophie und Hans Scholl zur Ludwig-Maximilians Universität, um anti-nazistische Flugblätter zu verteilen. Sie trugen einen Koffer voller Flugblätter bei sich und legten Stapel in den leeren Fluren ab, während die Studierenden noch in ihren Vorlesungen waren. Als diese zu Ende gingen, warf Sophie die restlichen Flugblätter vom obersten Stockwerk in das Atrium. Dieser Akt wurde vom Hausmeister der Universität beobachtet – einem überzeugten Nazi. Vier Tage später wurden Sophie und Hans hingerichtet.

Was Sophie und Hans an jenem Donnerstag 1943 taten, war wohl, man könnte sagen, eine dumme Tat. Und vermutlich erreichten sie nichts. Sie stoppten Hitler nicht, auch nicht das Schweigen und die Mitwisserschaft ihrer Kommiliton*innen. Der Krieg ging weiter. Das Schweigen blieb bestehen. Sie verloren ihr Leben. Was haben sie sich dabei gedacht?

Ich vergleiche diese beiden historischen Ereignisse, um zu zeigen, dass es nicht das große Ergebnis war, das ihren Wert ausmachte. Beide Aktionen waren von Anfang an unglaublich riskant. Beide konnten einen Völkermord nicht verhindern. Beide konnten den Unterdrückten nicht helfen. Beide waren zu klein, von zu wenigen Menschen getragen, um den Lauf der Geschichte zu verändern.

Doch was Sophie und Hans taten, hatte einen anderen Wert. Sie bewahrten unser Vertrauen in die Menschlichkeit. Sie gaben ihr Leben, damit wir heute glauben können, dass menschliche Empathie möglich ist. Dass egal wie brutal die Unterdrückung ist oder wie systematisch und erfolgreich Propaganda sein kann, manche Menschen – wenn auch nur sehr wenige – das erkennen und benennen. Und indem sie das taten, halfen sie uns zu glauben, dass wir keine völlig hoffnungslose Spezies sind.

Die zwölf Menschen an Bord der Madleen kannten die Risiken. Sie sind kluge Menschen. Sie hatten eine prominente Persönlichkeit dabei, weil das ein Schutz war. Sie waren auf das Schlimmste vorbereitet. Sie wussten, dass ihr Boot zu klein war, um zwei Millionen Menschen zu ernähren.

Sie wussten auch, dass frühere Versuche tragisch endeten, mit getöteten oder verletzten Aktivist*innen. Und dennoch segelten sie. Und mit ihnen segelte unser kollektives Gewissen.

Die Zukunft wird uns nicht fragen: Was wurde erreicht? Dinge werden durch den langfristigen Einsatz vieler verschiedener Menschen und Organisationen erreicht werden. Das wird in Geschichtsbüchern, Fachartikeln, Konferenzen erklärt werden. Was die Zukunft fragen wird, ist: Warum hat niemand etwas getan? Und wir werden antworten können: Da waren diese zwölf Menschen auf einem kleinen Boot. Und sie segelten gegen alle Widrigkeiten.


(EN) Madleen

“What was the point of it? It was a stupid thing to do. They knew what would happen. They were too few. They achieved nothing. It was all pointless. “

These are the things we’ve been hearing not just about the Freedom Flotilla, but also about other activists and missions for the past twenty months. But there is another important historical moment that one could ask all those same questions about.

On 18 February 1943, Sophie and Hans Scholl went to Ludwig Maximilian University to distribute anti-Nazi leaflets. They carried a suitcase full of flyers and left stacks in the empty corridors while students were still in their lectures. As they were finishing, Sophie threw the remaining leaflets from the top floor into the atrium. This act was witnessed by the university maintenance man and a committed Nazi. Four days later Sophie and Hans were executed.

What Sophie and Hans did on that Thursday in 1943 was, arguably, stupid. It also, arguably, achieved nothing. They didn’t stop Hitler, or their colleagues’ silence and complicity. The war carried on. The silence carried on. They got themselves killed. What were they thinking?

I’m comparing these two historical occurrences to show that it isn’t a grand outcome that made them valuable. Both were incredibly risky from the get go. Both failed to stop a genocide. Both failed to help the oppressed. Both were too small, carried out by too few people, to change the course of history.

But what Sophie and Hans did had a different value. They saved our trust in humanity. They gave their lives so that we, today, would believe that human empathy is possible. That no matter how brutal the oppression is, or how systematic and successful the propaganda can get, some people, if only very few, will see it for what it is. And by doing so they helped us believe that we are not an entirely hopeless species.

The twelve individuals aboard the Madleen knew the risks. They are smart people. They brought along a celebrity because that was a way of protecting themselves. They were prepared for the worst. They knew that their boat was too small to feed two million people.

They also knew that previous attempts had ended tragically, with activists killed or wounded. Still, they sailed. And with them sailed our collective conscience.

The future will not ask us, What was achieved? Things will be achieved through the long term effort of many different people and organizations. This will be explained in history books, scholarly articles, conferences, etc. What the future will ask is, How come nobody did anything? And we will be able to say, There were these twelve people on a small boat. And they sailed against all odds.


Ein Text von Lana Bastašić
Gelesen von Kai Schuhmann

Diesen im Original englischen Text mit dem Titel Madleen veröffentlichte Lana Bastašić am 10. Juni 2025 auf ihrem Instagram-Profil @lanabasta.

Lana Bastašić ist eine bosnische Schriftstellerin. Sie wurde mit dem Literaturpreis der Europäischen Union 2020 für Bosnien und Herzegowina ausgezeichnet.

Quellen

Instagram Profil von Lana Bastašić:
@lanabasta