Feuer kann auf zwei Wegen gegen Menschen verwendet werden: es verbrennt oder erstickt sie. Der Gaza-Streifen verbrennt mit seinen Menschen und wir hier in Europa können vom entstehenden Rauch nur noch schwer atmen. Er weht von Weitem heran und nebelt uns ein. Wissen wir noch, wo wir stehen, wer mit uns bleibt und wohin wir gehen müssen, um uns im Rauch nicht zu verlieren?
Das Ghetto wird liquidiert, so beschrieb Masha Gessen am 9.12.2023 im New Yorker [1] aufsehenerregend den israelischen Vernichtungskrieg. Im Warschauer Ghetto wurden Jüd:innen zuerst eingepfercht, eingesperrt und dann ausgehungert, um das Ghetto am Ende mit Feuerwerfern niederzubrennen. Was anfangs wie ein harter Vergleich schien, bestätigt sich 2024 und 2025 zusehends. Marek Edelman, einer der Anführer des Warschauer Ghettoaufstandes betonte, dass es nach dem Ghetto nur noch “ums Leben, sonst nichts“ gehe. Er meinte er damit nicht bedingungsloses Leben, Überleben, sondern richtig zu leben. Was bedeutet das für unsere Situation heute?
Wie können wir nach Gaza noch richtig leben? Zeitlich nach Gaza, nach dem Zivilisationsbruch in Gaza und dem Vorbild Gazas. Welches Leben als mündiger Mensch ist nach Gaza noch möglich ohne zu resignieren, ohne dass es sich leer anfühlt, ohne sich etwas vorzumachen? Wie beantworten uns Palästinenser:innen diese Fragen während des Versuchs ihnen als Menschen und Gesellschaft das Leben zu nehmen?
Mit Marek, nach Gaza, das ist ein langer Weg – zeitlich und räumlich. Aber vielleicht bedeutet nach Mareks Gaza zu leben genau das: sich die Fragen nach dem richtigen Leben bedingungslos zu stellen. Sich zu fragen und danach zu leben, sonst nichts. Immer wieder. Ethisch richtig leben, weiter machen, Sumud – das ist das Erste, was ich in meiner palästinensischen Identität verinnerlicht habe. Wenn ich sonst nichts machen kann, dann zumindest das. Nicht weiter machen um jeden Preis, denn was bedeutet so ein Fortschritt schon?
Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg glaubten wir, industrielle Entmenschlichungen überwunden zu haben. Als wäre es davor und danach nicht mehr passiert. Heute machen wir nicht nur weiter, sondern reden uns ein, es sei richtig. Die Nazis konnten nicht mal ihrer eigenen, mit Propaganda durchseuchten Bevölkerung, ihre Tötungsmaschinerie zumuten. Die deutschen und österreichischen (Ur)Großeltern-Generation war vielleicht in einigen ethischen Aspekten weiter als wir heute. Rechte Parteien hätten vor der Machtergreifung der Nazis keine Mehrheit, die zerstrittenen Kommunisten und Sozialdemokraten jedoch schon. Heute ist es mit einer rechtsextreme AfD und rechtsdominierte CDU fast umgekehrt. Jede Nachkriegsgeneration hat sich die Frage gestellt, wie ihre Eltern nur so handeln konnten, schweigend weiterzuleben, als wäre die Welt in Ordnung. Anstatt sich zu fragen warum sie es heute selbst tun.
Nein, deutsche Soldaten kämpfen nicht mehr in Europa. Aber macht das ethisch einen Unterschied? Deutsche Waffen, deutsches Geld töten mit in aller Welt, erinnern uns die Demonstranten. Die industrielle Tötungsmaschinerie nimmt nicht nur wieder Fahrt auf, sie erleichtert das Ermorden nur noch mehr. Das ist unser Fortschritt. Wo wird das deutlicher als in Gaza? Gemessen an der Fläche und am Zerstörungsausmaß kann kein anderer Krieg in den letzten Jahrzehnten mit diesem Vernichtungskrieg mithalten. Und das nicht von einem Schurkenstaat. Ähnlich wie die industrielle Revolution soll die verlogene KI-Revolution die Tötungs-Maschinerie weiter automatisieren und erleichtern. Töten soll nicht mehr so anstrengend sein und weit weg von uns passieren. Das ist unser Fortschritt.
Nach dem Holocaust erlaubten wir uns nur durch den Schwur des Nie Wieder mit unserer “Zivilisation” fortzufahren. Zumindest nie wieder Massenmord, nie wieder Genozid. Aber nicht einmal der einhellige Aufschrei von Genozid- und Holocaustforschern, auch israelischer, in Gaza wird sehenden Auges und mit Ansage ein Völkermord begangen, kann unsere Politiker an ihr Nie wieder binden. Es passiert das Gegenteil: Deutsche Waffenlieferung und die politische Deckung einer rechtsextremen Regierung steigen.
Gaza zeigt uns die vorher scheinbar noch verdeckte Doppelmoral unseres Herrschaftssystems. Nur die rückständigen Länder dieser Welt müssen bestraft werden. Nun gilt unverblümt das Recht des Stärkeren. Und wir glauben auch noch das Richtige zu tun. So wie die deutschen und österreichischen (Ur)Großeltern es geglaubt haben, nur haben wir heute weniger Ausreden, es nicht zu wissen.
Wir sind eine ethisch rückschrittlichen Gesellschaft und die schwachen öffentlichkeitswirksamen Wortmeldungen der letzten Wochen ändern nichts daran.
Textbeitrag verfasst und gelesen von Wahad, Austro-Palästinenser mit Familie im Gazastreifen. Autor von “Gaza lebendig halten.”
Quellen
[1] https://www.newyorker.com/news/the-weekend-essay/in-the-shadow-of-the-holocaust