Mein Name ist Fabian Krengel und ich bin einer von über 350 deutschen Wissenschaftler*innen, die die sogenannte „Uppsala Declaration“ unterzeichnet haben. Ich habe das aus moralischen Gründen getan, denn ich halte Boykott – im Einklang mit der Jerusalem Declaration on Antisemitism – für ein valides und wichtiges Druckmittel, um sich für die Wahrung der Menschenrechte in Palästina stark zu machen. Dieselbe Meinung teilt übrigens auch der Israeli Maoz Inon, den ich persönlich kenne. Seine Eltern wurden am 7. Oktober von der Hamas getötet.
Mir ist es wichtig zu betonen, dass dieser Boykott nicht gegen einzelne israelische Wissenschaftler*innen gerichtet ist. Diese Personen, zu denen ich bis heute engen Kontakt pflege, sind sogar einer der Gründe, warum ich heute diese Nachricht aufzeichne. Nein, es geht um den Boykott von Institutionen, die an den Völkerrechtsverstößen beteiligt sind.
Ich möchte aber eigentlich über Ambiguitätstoleranz sprechen – ein Konzept, mit dem ich mich wissenschaftlich befasse. Ich erlebe nicht selten, wie das Wort verwendet wird, um das, was in Israel/Palästina passiert, als sehr kompliziert zu beschreiben… viele, ja widersprüchliche Dinge seien parallel wahr, daher sei Ambiguitätstoleranz wichtig… und damit wäre dann erstmal alles gesagt.
Wie die Medienkritikerin Nadia Zaboura gesagt hat, ist die Lage zwar ohne Frage komplex, aber eigentlich nicht kompliziert… solange man sich an wesentliche Grundsätze wie eben das Völkerrecht oder die Menschenwürde hält.
Ein Grundpfeiler israelischer Propaganda – Hasbara – ist, dass der sogenannte „Nahostkonflikt“ zu kompliziert sei, um sich überhaupt ein Urteil darüber zu erlauben. Vor allem als Laie. Diesem Gedankengang folgend, kann man mit ein paar Worten – wie „kompliziert“ und „Ambiguitätstoleranz“ – den Anschein erwecken, sein Soll im Diskurs erfüllt zu haben.
Für mich war Ambiguitätstoleranz in den letzten vier Jahren aber keine Antwort, sondern ein Werkzeug. Ein Mittel zum Zweck, um mich einer moralischen Klarheit anzunähern. Denn als ich im April 2021 einen Online-Austausch mit palästinensischen Studierenden in Israel durchgeführt habe, und (mal wieder) ein Gaza-Krieg ausgebrochen ist, wurde ich – vermutlich zum ersten Mal in meinem Leben – mit einer Vielzahl genuin palästinensischer Perspektiven konfrontiert… und meine Glaubenssätze gerieten ins Wanken.
Es begann ein langer Unlearning-Prozess: Warum decken sich die Berichte der Menschen vor Ort nicht mit dem, was ich in den deutschen Medien sehe? Wo kommt diese Gewalt, dieser Hass her? Und wie kann es sein, dass die (vermeintlich) „einzige Demokratie“ im Nahen Osten systematisch gesamte Bevölkerungsgruppen diskriminiert und unterdrückt?
Was ist eigentlich Ambiguitätstoleranz? Es „beschreibt die Fähigkeit, mehrdeutige und widersprüchliche Situationen auszuhalten und mit ihnen umzugehen, ohne sich bedroht oder verunsichert zu fühlen. “ (Krengel 2025). So habe ich das Konzept für mich als Möglichkeit entdeckt, um mich konstruktiv auf die Suche nach Lösungsvorschlägen zu machen… und um den komplexen und kontroversen Israel-/Palästina-Diskurs besser zu verstehen.
Es war nicht leicht. Es folgten viele harte Gespräche mit Menschen unterschiedlichster Positionalität – egal ob jüdisch, palästinensisch, israelisch, deutsch, usw. –und wie eingangs gesagt, inklusive Hinterbliebenen des Massakers der Hamas.
Auch habe ich sehr viel gelesen. Es war für mich nicht damit abgetan, in die Ambiguität nur abzutauchen. Ich musste auch aushalten. Diffamierungsversuche. Berechtigte Kritik. Fragen über Fragen.
Der Prozess dauert an. Aber für mich ist klar: Es kann und darf nicht sein, dass das Land, in dem ich lebe, einen Staat dabei deckt und unterstützt, wie er Menschen seit Jahrzehnten systematisch diskriminiert und unterdrückt. Gar nicht so kompliziert, oder?
Palästina und Ambiguitätstoleranz – ein Textbeitrag verfasst und gelesen von Fabian Krengel, Research Assistant und PhD Candidate
fabian.krengel@outlook.com