Tatreez: Fäden des Widerstands

Das Bild zeigt das Logo des Projekts Hör' zu Deutschland! Es ist eine Scheibe einer Wassermelone und darunter der Name des Projekts
Hör zu, Deutschland
Tatreez: Fäden des Widerstands
Loading
/

Weißer Staub legt sich über den Boden. Ein schwarzes Kleid liegt im Schutt, grüne Linien und rote Olivenzweige ziehen sich durch den Stoff. Es sieht aus wie ein Kunstwerk, doch es ist ein Zeugnis. Es erzählt von Standhaftigkeit. Von einer Mutter, die es einst in Ramallah nähte, und einer Tochter, die heute in Gaza unter Trümmern danach sucht. Tatreez, palästinensische Stickkunst, wird seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben. Jede Region hat ihre eigenen Muster, Farben und Symbole. In Hebron dominieren rote Dreiecke, in Gaza kreisen Vögel um Zypressen, in Jerusalem fließen Mosaiklinien in Olivgrün. Der Schlüssel steht für das Rückkehrrecht, die Olive für Heimat, die Zypresse für Standhaftigkeit [1].

Nach der Nakba 1948, als mehr als 750.000 Palästinenser*innen vertrieben wurden, wurde Tatreez mehr als Verzierung. Es wurde tragbare Erinnerung, ein visuelles „Wir sind noch da“. Seit zwei Jahren eskaliert die Gewalt erneut. Zehntausende Zivilist*innen, darunter überwiegend Frauen und Kinder, wurden von der israelischen Armee getötet. Wohnhäuser, Krankenhäuser, Universitäten, Schulen und auch Textilwerkstätten, Kulturzentren und Museen liegen in Trümmern. Laut UNESCO sind über 200 Kulturstätten zerstört worden, darunter das einzige Textilmuseum Gazas. Der Internationale Gerichtshof (ICJ) warnt vor der Gefahr eines Völkermordes [2].  Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem spricht offen von einem Genozid [3].

Und während Bomben fallen, suchen Frauen in den Ruinen nach Kleidern, Tüchern und Stickereien. Die Journalistin Hind Khoudary dokumentierte, wie sie durch Schutt klettern, um ein Brautkleid oder eine gestickte Abaya zu retten. Eine Frau in Beit Lahia hob ein tiefrotes Kleid aus dem Staub und sagte: „Es gehörte meiner Mutter. “Ich kann ohne alles gehen, aber nicht ohne das.“ Diese Frauen graben nicht nach Stoff. Sie graben nach Erinnerung. Nach Geschichte. Nach ihrer Würde. Und sie tun es, während Bomben über ihnen kreisen. Auch hier in Deutschland bleibt das nicht ohne Widerhall, aber oft mit bedrückenden Bildern. Im Jahr 2024 genehmigte die Bundesregierung Waffenexporte im Wert von mehr als 300 Millionen Euro an Israel [4].

Demonstrierende in Berlin, überwiegend Frauen, die für Frieden appellierten oder einfach nur eine Keffiyeh trugen, wurden vor laufender Kamera brutal geschlagen und festgenommen. Veranstaltungen mit palästinensischen Stimmen werden abgesagt, Lesungen gestrichen, Künstler*innen ausgeladen. Offiziell heißt es, man wolle „neutral“ bleiben, doch wer inmitten von Massakern an Zivilist*innen schweigt, hat sich bereits entschieden.

80 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager hat diese sogenannte „Lernkurve“ offenbar nicht verhindert, dass wieder einem Volk das Recht auf Leben, auf Kultur, auf Sicherheit genommen wird. Die Palästinenser*innen wollen leben, und sie leben! Jede Naht im Tatreez ist ein Akt des Weiterlebens, der Resilienz.

Die palästinensische Ernährungswissenschaftlerin Zaina al Ghalayini in Gaza sagt dazu:

„Sogar im Krieg haben wir mit dem Sticken nicht aufgehört. Im Gegenteil – an jedem Ort, an den wir fliehen, suchen wir nach Läden, die Stickutensilien verkaufen. Das Sticken ist ein Raum, in dem wir all unseren Druck ablassen können. Es gibt uns Hoffnung, zu den alten Tagen zurückzukehren – und zu den Stücken, die wir wegen der Vertreibung zu Hause zurücklassen mussten.“ [5]

Tatreez ist mehr als Handwerk. Es ist eine Sprache, die über Grenzen hinweg verbindet. Jede Naht widerspricht der Auslöschung, jeder Faden verknüpft Vergangenheit und Zukunft.

Ich selbst bringe Tatreez in Workshops hier in der Diaspora weiter bei. Für viele Palästinenser*innen ist es mehr als ein Hobby. Es ist Identität und Widerstand. Ein Weg, unsere Geschichte lebendig zu halten, uns mit unseren Wurzeln zu verbinden und Zukunft zu weben.

Solange wir diese Fäden weitergeben, lebt Palästina. Sichtbar, greifbar, unzerstörbar.


“Tatreez: Fäden des Widerstands” ist ein Textbeitrag von Sarah Tobail aus Stuttgart.

Gelesen von Sarah Tobail

Sarah ist eine Deutsch-Palästinensische Künstlerin mit Fokus auf Tatreez und Gründerin von Sumoud Tatreez

Quellen

[1] The art of embroidery in Palestine, practices, skills, knowledge and rituals – UNESCO Intangible Cultural Heritage. (n.d.). https://ich.unesco.org/en/RL/the-art-of-embroidery-in-palestine-practices-skills-knowledge-and-rituals-01722

[2] Application of the Convention on the Prevention and Punishment of the Crime of Genocide in the Gaza

Strip (SOU. (n.d.). https://www.icj-cij.org/case/192

[3] B’Tselem. (2025). B’Tselem and Physicians for Human Rights Israel: Israel is committing genocide in the Gaza Strip. In B’Tselem and Physicians for Human Rights Israel: Israel Is Committing Genocide in the Gaza Strip | B’Tselem https://share.google/5LeBqKdK2I3kdHdVR

[4] Deutschland weitet Rüstungsexporte nach Israel aus. (2025, August 8). tagesschau.de. https://www.tagesschau.de/inland/ruestungsexporte-deutschland-israel-100.html5 Persönliche Konversation

[5] Persönliche Konversation