Als ich damals im Geschichtsunterricht von den Schrecken des Holocaust hörte, die Bilder von ausgehungerten deportierten Juden in Konzentrationslagern sah, war ich tief erschüttert. Wie können Menschen zu so einem Horror, zu solchen Abscheulichkeiten in der Lage sein? Wie konnte die deutsche Gesellschaft dies geschehen lassen?
Als ich geschockt und aufgewühlt diese Fragen an meinen Vater richtete, erzählte er mir von meinem Ur-Großvater Ernst. Ernst, der als bekennender Kommunist, als Teil des Widerstandes erst im Gefängnis und dann im Arbeitslager war. Er überlebte und träumte bis zu seinem Tode vom Aufbau von Kolchosen. Seine Abscheu gegen den Faschismus und die Behauptung, er hätte Mitglieder der RAF mehrere Tage bei sich versteckt, nahm er mit ins Grab. Auch wenn es von meinem Urgroßvater Ernst viele verrückte Geschichten gab, verehrte ich ihn, bin bis heute stolz auf ihn und dankbar die Kraft des Widerstandes in meinen Ahnen nicht nur in ihm verkörpert zu haben.
Meine Mutter ist als Teil der ungarischen Minderheit in Vojvodina/Serbien aufgewachsen. Als meine Oma Elisabeth noch ein Baby war, so erzählte mir meine Mutter, wurde das damals ungarische Gebiet Vojvodina zu einem Teil Serbiens. Der Familie wurde Haus und Land weggenommen und sie gehörten fortan zur Minderheit im Land. Auch dies ist Teil meiner Ahnen, ein Teil von mir.
Als Jugendliche schwor ich und spürte dabei Uropa Ernst ganz nah bei mir, dass ich niemals nur zuschauen würde, wenn sich etwas wie der Holocaust wiederholt. Hast du dich auch schon mal gefragt, wie du während des Holocaust gehandelt hättest? Was deine Rolle gewesen wäre und auf welcher Seite du dich positioniert hättest?
Here we are, sei fast zwei Jahren nun schauen wir einem perfiden und barbarischen Völkermord zu, hören genozidiale Reden von israelischen Politikern, sehen zu wie Menschen abgeschlachtet und systematisch ausgehungert werden. Legitimiert und unterstützt durch deutsche Politiker, bedigungslose Staatsräson und deutschen Rüstungsexporte. Wir sehen im israelischen Vorgehen die Auswüchse von jahrzehntelanger Dehumanisierung und weißer Vorherrschaft. Wir blicken auf ein politisches System, dass die faschistioden Denkweisen nicht zu verbergen versucht und einen Albtraum der Menschlichkeit real werden lässt. Die nächste Generationen werden davon im Geschichtsunterricht lernen und Kinder werden sich die gleichen Fragen stellen, wie ich als Kind. Wir dürfen jetzt als Menschheit zeigen, wie wir gehandelt hätten. Wir dürfen nun zeigen wie wir uns gegen solchen Horror stellen, unsere Kraft nutzen, um diesen zu verhindern. Es gibt so vieles was wir tun können, um das laute Schweigen in Deutschland zu durchbrechen.
Ich glaube an das kollektive Bewusstsein und an Wut, die machtvolle Kraft der Veränderung, die für ein NEIN steht. Denn Nie wieder ist Jetzt. Und so lächle ich meinem Uropa Ernst zu, voll Dankbarkeit für ihn, für die Kräfte des Widerstandes, damals und heute.
Solidarität ist ein Verb. Ein Tun-Wort, genauso wie Hoffnung.
Seit vielen Monaten schreibe ich täglich mit Taher, der mit seiner Frau Heba und deren Kindern Maryam und Omar in Gaza lebt. Er ist mittlerweile ein Freund geworden und so atme ich jeden Tag auf, wenn ich eine Nachricht von ihm bekomme und weiß, dass sie noch alle leben.
Von ihm weiß ich, wie viel Hoffnung die weltweite Bewegung, jede Demo, Aktion und jede laute Stimme den Menschen in Gaza geben. Es gibt ihnen die Gewissheit, dass sie gesehen und nicht vergessen werden.
Worte sind Tahers Waffe, seine Gedichte Werkzeug der Hoffnung und Sprachrohr seines Herzens in die Welt. Und so ist es mir eine Ehre, seine Worte regelmäßig auf den Straßen von Berlin mit „Stimmen aus Gaza“ zu lesen:
WENN ICH ZURÜCKKEHRE
Wir müssen verschnaufen und der Krieg wird ein wenig enden.
Wenn ich in den Norden zurückkehre, wird sich alles verändert haben,
aber das Land kennr mich.
Ich werde die Trümmer unseres Hauses umarmen und den Olivenbaum vor ihm umarmen.
Der Spatz wird vor Freude für uns zwitschern und die Schmetterlinge
werden lachend zu uns fliegen.
Ich werde alle Tränen vergießen, die ich im Zelt zurückgelassen habe.
Ich werde aus Trotz Weizen in jeden Zentimeter dieses Landes pflanzen,
wenn ich Hunger habe.
Ich werde die Musik von Fairuz’ Stimme nicht abstellen, aus Trotz
gegen all die Geräusche von Flugzeugen und Kanonen.
Wir werden zurückkehren.
Ein Text von Sandra, aktiv bei den “Stimmen aus Gaza” in Berlin, mit einem Gedicht von Taher aus Gaza