Liebes Deutschland,
Ich bin Nachfahrin von vier Großeltern, die den Holocaust überlebt haben: Miriam und Sandor aus Ungarn, Tzipora und Michael aus Polen. Ich bin in Israel geboren und als überzeugte Zionistin aufgewachsen.
2018 bin ich nach Deutschland gezogen. Ich war so beeindruckt, so stolz, Dich kennenzulernen: ein wirklich demokratisches Land, das seine Vergangenheit anerkannt, seine Opfer entschädigt und Schritte zur Entnazifizierung seiner Systeme unternommen hat.
Als Juden sind wir immer noch gebrochen von den Schrecken des Holocausts. Es braucht Generationen, um sich davon zu erholen, um unsere Seele wieder aufzubauen und unsere Gesellschaft zu stabilisieren.
Aber die Deutschen, so habe ich gelernt, sind auch gebrochen—als Täter. Es braucht ebenso Generationen, um die beschädigte Seele einer Gesellschaft wiederherzustellen, die unsagbare Verbrechen in Massen begangen hat.
Aber, liebe Deutsche, ihr scheint einige grundlegende Punkte über Juden und über meine Heimat nicht zu verstehen. So wie wir den Holocaust nicht ohne den „Nationalsozialismus“ denken können — können wir die israelische Besatzung und den Genozid in Palästina nicht ohne den „Zionismus“ denken.
Wenn du so ethisch, liberal, demokratisch bist, wie ich dachte, wie kannst Du dann weiterhin den Zionismus unterstützen? Zionismus ist nicht ethisch, nicht liberal und auf keinen Fall demokratisch; Seit Jahrzenten, zielt der Zionismus darauf ab einen ausschließlich jüdischen Staat zu errichten und die einheimischen Araber zu vertreiben.
Es war nie ein Geheimnis. Die Anführer des Zionismus waren eindeutig: Pinsker schrieb 1882 über Juden als „rassenreine-Gemeinschaft“; Theodor Herzl schrieb 1895 über einen „Entvölkerungsprozess“; Jabotinsky schrieb 1923 über die Notwendigkeit, Palästina mit Gewalt zu übernehmen.
Und 1948 haben sie es mit Gewalt übernommen! Für die jüdischen Israelis war es ein Erfolg—der „Unabhängigkeitskrieg“. Für die einheimischen Araber war es „die Katastrophe“ – al Nakba.
Das ist also der Anfang meiner Geschichte; nicht der 7. Oktober 2023.
Der 7. 10. war ein schrecklicher Tag für mich und meine Bevölkerung, aber ich hatte keine Zeit, um zu trauern; Seit diesem Tag, bombardieren, erschießen, verhaften, missbrauchen die Israelis, auf brutale Weise; sie benutzen Menschen als Schutzschilde, hetzen Hunde auf Menschen mit Behinderungen, vertreiben immer wieder aufs Neue, traumatisieren und erniedrigen PalästinenserInnen; Meine Bevölkerung hungert unsere Nachbarn zu Tode.
Und du, meine liebe neue Heimat, unterstützt dies!?
Liebes Deutschland, ich vergebe dir! Ich vergebe dir, was du meinen Großeltern und meiner Familie angetan hast. Ich vergebe dir, dass ich in eine posttraumatische Familie geboren wurde, gezeichnet für mein Leben. Ich vergebe dir das unermessliche Leid, das du mir und meinem Volk gebracht hast.
Aber eines kann ich dir nicht vergeben: dass du dazu beigetragen hast, mein Volk zu Tätern zu machen. Dass du zur Zerstörung jüdischer Kultur und Moral beigetragen hast. Dass du den Zionismus über das Judentum gestellt hast. Dass du meinen palästinensischen Nachbarn Leben und Würde verweigerst—und damit Gerechtigkeit und Sicherheit in unserem Land verhindert hast.
Wenn du wirklich die Juden schützen willst, wie du sagst, würdest du es dann endlich wagen, die kolonialen Wünsche meiner Vorfahren von meinem Judentum zu trennen? Würdest du uns helfen, meine Heimat zu „ent-zionisieren“?
Das wäre für mich die wahre Bedeutung von „Nie wieder“.
Dieser Textbeitrag wurde von Hadas Emma Kedar am 19.08.2025 basierend auf ihrer Rede vom 07.06.25 in der Roten Flora, Hamburg für das Tatkraft-Projekt “Hör zu, Deutschland!” umgeschrieben und eingelesen.
Hadas Emma Kedar ist jüdisch-israelische Aktivistin, Kommunikationswissenschaftlerin und Doktorantin.