Ich wünsche mir sehr, bald in der Playlist „Hör zu, Deutschland“ viele Texte zu hören und zu lesen, in denen Menschen einander danken – für ihren Mut und ihre Demut, das Schweigen zu durchbrechen, sich zu entschuldigen und endlich auch Verantwortung für ihre Mitschuld zu übernehmen. Mitschuld durch die Rechtfertigung israelischer Verbrechen, durch die Ausgrenzung und Kriminalisierung israelkritischer Stimmen oder durch die Gleichsetzung von Judentum und Zionismus.
Wie schön wäre es, Menschen in Deutschland für ihre Bemühungen danken zu können, die sich eigenständig – durch kontinuierliche, multiperspektivische, mehrsprachige Recherchen, Quellenvergleiche und den echten Austausch mit palästinensischen Perspektiven – von zionistischer Propaganda befreit und aktiv am „Ver-Lernen“ jener Narrative gearbeitet haben, die sie und die Welt gefangen halten wollen.
Dafür, dass sie es geschafft haben, sich selbst von Vorurteilen und Wissenslücken zu befreien und zu erkennen, dass es für Menschen, die Demokratie, Gerechtigkeit und Bildung lieben und sich als antirassistisch verstehen, unbedingt erforderlich ist, Palästinenserinnen zuzuhören – ihre Bücher, Artikel, Aufsätze, Gedichte zu lesen, ihre Filme und Dokus anzuschauen, ihre Lieder zu hören – und so die palästinensische Geschichte aus palästinensischer Perspektive kennenzulernen.
Dass sie dadurch auch ihre eigene deutsche Geschichte und Verantwortung gegenüber internationalem Völker- und Menschenrecht besser begreifen – und tatkräftig, souverän als Bundes- und Weltbürgerinnen verteidigen können. Damit „Nie wieder!“ eine echte Bedeutung bekommt und wirklich wirken kann.
Als ich diese Zeilen – hier in leicht veränderter Form – eines Nachts im August spontan in mein Handy tippte, durchströmte mich eine Mischung aus Dankbarkeit und Sehnsucht.
Dankbarkeit, weil in den letzten Wochen so viele Beteiligungszusagen und Text-Einsendungen bei uns in der Tatkraft-Redaktion eingegangen sind. So viele Stimmen, die das Schweigen gebrochen, ihren Lern- und Verlern-Prozess geteilt und die Menschlichkeit gewählt haben.
Und Sehnsucht, weil wir noch viel mehr werden müssen.
Eigentlich wollte ich diese Worte sofort in meinem Feed teilen, einfach um Danke zu sagen – an all jene, die den Mut gefunden haben, hörbar zu werden.
Und doch zögerte ich.
Ganz schnell verwandelte sich meine Freude in Sorge – die Sorge, dass mein Dank missverstanden werden könnte: als Belohnung, als Applaus für etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte.
Zu oft haben wir erlebt, wie rasch und scharf der Vorwurf von „fehlender oder selektiver Empathie“ erhoben wird, wenn besondere Anerkennung ausbleibt – für späte Umdenkprozesse, zaghaft einlenkende Worte, hastige Entschuldigungen, die mehr Schuldverschiebung sind als ehrliches Bedauern und echte Übernahme von Verantwortung.
Zu oft wird Dankbarkeit instrumentalisiert –für Gaslighting, für Täter-Opfer-Umkehr, wie wir sie tagtäglich erleben. Sei es durch das Hasbara-Playbook oder durch jene, die von ihrer eigenen weißen Verletzlichkeit getrieben sind.
Mein Zögern ärgerte mich – weil es mir zeigte, wie sehr ich diese Spielchen nicht mehr ertrage. Wie sehr sie darauf abzielen, uns aus dem Handeln herauszureißen, unseren freien Selbstausdruck zu brechen und uns in Reaktivität und Selbstzensur zu verstricken.
Wenige Tage später las ich Worte von Deborah Feldman, die mir wie eine Antwort erschienen. Sie schrieb:
„Ich bekomme seit einiger Zeit Nachrichten von Followern, die davon berichten, einen großen Wandel in den letzten anderthalb Jahren durchgemacht zu haben. Sie schreiben mir zur Ermutigung, um zu sagen, dass es doch etwas gebracht haben muss, die Wut und das Entsetzen in Deutschland gelüftet zu haben – das ganze brave, konformistische Spiel der Unterwerfung über Bord geworfen zu haben. Weil sie sich als Individuen dadurch
gebildet und verändert haben, und dies nun auch weitergeben. Ich möchte mich dafür bedanken und auch sagen, dass diese Nachrichten mir sehr, sehr wichtig sind. Weil ich sonst wirklich nur noch wahnsinnig werden könnte. Ich entschuldige mich dafür, dass ich mit der Zeit leiser geworden bin. Ich habe mich erschöpft. Ich weiß nicht, wie ich mit dieser absoluten Gebrochenheit meiner Seele umgehen soll. Ich versuche, es zu lernen. Ich schäme mich dafür, nicht körperlich und seelisch stark genug zu sein.“
Diese Offenheit – Dankbarkeit über den Wandel anderer, und zugleich das Eingeständnis eigener Erschöpfung und Zerbrechlichkeit – hat mich tief berührt. Sie hat mir gezeigt: Wir sind nicht allein mit diesen Gedanken und Sorgen.
Dankbarkeit muss nicht gleich Lob sein. Sie kann ein stilles Innehalten sein, ein leises „Ich sehe dich“. Ein Mutmachen, weiterzugehen – nicht überhöht, sondern verbunden, verantwortlich.
Darum schreibe ich heute diesen Brief. Nicht, um irgendwen zu feiern, sondern um uns zu erinnern: Wir sind viele.
Auch wenn wir noch viel aktiver, lauter und sichtbarer werden müssen – es geschieht. Mit jedem Gedanken, den wir teilen, mit jedem Wort, das wir wagen, mit jeder Geste, die uns in unserer Menschlichkeit verbindet und verbündet.
Ein Textbeitrag geschrieben und gelesen von Jill Cebeli. Kunsttherapeutin und -pädagogin. Sie ist spezialisiert auf sozialkünstlerische Angebote in interkulturellen Handlungsfeldern. Zusammen mit Elisabeth Weydt hat sie die Initiative “Hör’ zu, Deutschland!” ins Leben gerufen.